Brahm, Jenert, Barnat, Bosse et. al.

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Potenziale und Herausforderungen von Mixed-Methods Ansätzen für die Forschung zum Lehren und Lernen an Hochschulen

Einreichende

  • Taiga Brahm & Tobias Jenert (Universität St. Gallen)
  • Miriam Barnat & Elke Bosse (Universität Hamburg)
  • Robert Kordts-Freudinger (Universität Paderborn)
  • Eileen Lübcke & Anna Heudorfer (Universität Hamburg)
  • Moderation: Elke Bosse

Fragestellungen

  1. Worin besteht der Mehrwert von  Mixed-Methods Ansätzen für die (entwicklungs- und gestaltungsorientierte) Forschung zum Lehren und Lernen an Hochschulen?
  2. Wie gelingt es, qualitative und quantitative Daten im Forschungsprozess miteinander zu verschränken und die Validität der Integration von Ergebnissen sicherzustellen?

Inhalte

Mixed-Methods Ansätze zielen darauf ab, einen Forschungsgegenstand über die Kombination von qualitativen und quantitativen Forschungszugängen vertieft zu untersuchen (Creswell & Clark, 2007). Erkenntnistheoretisch beziehen sie sich auf die Tradition des Pragmatismus (Onwuegbuzie, Johnson & Collins, 2009; Dewey, 1910/1997), methodologisch greifen sie die Tradition der Triangulation von Daten, Methoden und Forschungsperspektiven auf (Flick, 2010; Kelle, 2001). Mit der pragmatistischen Ausrichtung versuchen sie, den ‚paradigm war‘ (Denzin, 2010) verschiedener empirischer Forschungstraditionen zu überwinden (Johnson & Onwuegbuzie, 2004).

In der Hochschul(bildungs)forschung finden Mixed-Methods Ansätze aufgrund ihrer Eignung für komplexe Gegenstände und Forschungsfragen zunehmend An­klang (Papadimitriou, Ivankova, & Hurtado, 2013; Schaper, 2014). Für den Fall der soziologischen Hochschulforschung fordern beispielsweise Hüther und Krücken (2015), „bei der Untersuchung von Praxis ihr empi­risches Methodenarsenal zu erweitern und, wo immer möglich, ein ‚mixed method design‘ zu verwenden“ (S. 153). Für die Autoren hat dabei die Entwicklung hin zu komplexen Forschungs­designs in der empirischen Bildungsforschung Vorbildcharakter. Hier finden sich primär auf den Schulkontext bezogene pädagogisch-psychologische Studien, die die Angemessenheit von Mixed-Methods Ansätzen aus der Konstitution ihres Gegenstands herleiten (Gläser-Zikuda et al., 2012). Demzufolge dient die Integration qualitativer und quantitativer Untersuchungen dazu, in gesellschaftliche und institutionelle Strukturen eingebettete individuelle Lern- und Bildungsprozesse zu erfassen.

Diese Funktion von Mixed-Methods Ansätzen lässt sich durchaus auf die Forschung zum Leh­ren und Lernen an Hochschulen übertragen – allerdings ohne den Anspruch, aus dem Einblick in komplexe Wirkungsgefüge allgemeingültige Handlungsanweisungen für die Praxis zu gene­rieren (Biesta, 2011). Vielmehr gilt es, die Aussagekraft von Erkenntnissen im Sinne von „Struk­turen begrenzter Reichweite“ (Kelle, 2008) kritisch zu reflektieren und ihre praktische Bedeu­tung für die Lehr- und Hochschulentwicklung im Austausch mit Vertreter*innen der Praxis zu prüfen (Jütte, Walber, & Lobe, 2016).

Das Symposium soll der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen von Mixed-Methods Ansätzen für die Forschung zum Lehren und Lernen an Hochschulen genauer nachgehen, sie anhand ausgewählter Untersuchungsbeispiele vertiefen sowie mit Blick auf entwicklungs­orientierte Forschungsvorhaben und den Praxis-Transfer von Erkenntnissen prüfen. Den gemeinsamen Ausgangspunkt bildet die Annahme, dass Mixed-Methods Ansätze dem für die Hochschulbildung konstitutiven Zusammenwirken verschiedener Handlungs- bzw. Gestal­tungsebenen (Brahm, Jenert & Euler, 2016) sowie den Wechselwirkungen von Lehr- und Lern­handeln in besonderer Weise gerecht werden können. Am Beispiel von Untersuchungen zur Studieneingangsphase mit jeweils spezifischen Fragestellungen und Designs werden sowohl grundlegende Herausforderungen der integrativen Vorgehensweise als auch Potenziale des mehrperspektivischen Zugangs von Mixed-Methods Studien veranschaulicht.

Der erste Vortrag (Brahm & Jenert) beleuchtet die Herausforderungen der Umsetzung von Mixed-Methods-Ansätzen anhand eines Forschungsprojekts zur Entwicklung von Motivation und Einstellung von Studierenden im ersten Studienjahr. Im Rahmen des Projekts wurde die Grund­gesamtheit der Studierenden zu verschiedenen Konstrukten (z.B. Motivation, Selbstwirk­samkeit, Emotionen) mittels eines Online-Fragebogens befragt. Parallel dazu wurde über das erste Studienjahr eine längsschnittliche Interviewstudie mit 15 Studierenden und jeweils fünf Interviewterminen durchgeführt. Sowohl die quantitative wie auch die qualitative Studie resul­tierte in einer Vielzahl von Daten, die es sowohl im Rahmen von Datenanalyse wie auch -inter­preta­tion miteinander zu verschränken gilt. Im Vortrag wird dargestellt, wie die Verschränkung konkret umgesetzt wurde und welche Herausforderungen sich dabei ergaben. Beispielsweise stellt sich die Frage, wie sich Erkenntnisse, die zwar aus der gleichen Grundgesamtheit stammen, aber aus unterschiedlich strukturierten Stichproben generiert und mit verschiedenen Methoden (qualitativ vs. quantitativ) gewonnen wurden, gemeinsam interpretieren lassen.

Das Co-Referat (Kordts-Freudinger) erweitert den Blick auf das integrative Vorgehen von Mixed-Methods Ansätzen anhand einer Untersuchung mit Studierenden, die im ersten Studienjahr einen großen oder einen kleinen Studienfortschritt aufwiesen (Hailikari, Kordts-Freudinger & Postareff, i. Vorb.). Die Daten wurden in Evaluationsinterviews erfasst, wobei nicht explizit nach Affekten oder Emotionen gefragt wurde. Nach einer qualitativen Analyse ergaben sich jedoch verschieden­ste affektive Inhalte, die im Anschluss auch quantifiziert wur­den. Zusätzlich wurden Fragebögen zur Einschätzung der Lernumgebung eingesetzt. Die statis­tische Auswertung ergab theoriekonform Unterschiede zwischen den Studierenden mit schnellem und mit langsamem Studienfortschritt sowie Zusammenhänge des Affekts mit Aspekten der Lernumgebung (u.a. zum Lehrendenenthusiasmus). Die Studie zeigt, dass die Kombination quantitativer und qualitativer Methoden auch und gerade zur Weiterentwicklung theoretischer Konzepte funktional sein kann.

Der zweite Vortrag (Barnat & Bosse) beleuchtet die Potenziale von Mixed-Methods Ansätzen am Beispiel eines Begleitforschungsprojekts zur Studieneingangsphase. Untersucht wird das Wirkungsgefüge von Studierfähigkeit und  institutionellen Förderangeboten unter Berücksich­tigung individueller, sozialer und organisationaler Heterogenität. Die Studie zeichnet sich durch ein „komplexes Design mit Integration in mehreren Phasen“ (Kuckartz, 2014, S. 94) aus: Während eine Interviewstudie und eine längsschnittlich angelegte Studierendenbefragung Zugang zur individuellen Studierendenperspektive bieten, dienen Dokumentenanalyse und Expert*innen-Interviews mit Verantwortlichen für Förderangebote dazu, Einblick in den insti­tutionellen Kontext zu gewinnen. Mit Blick auf die erste Untersuchungsphase, die u.a. nach der Passung zwischen institutionellen Förder­angeboten und individuellem Unterstützungsbedarf in der Studieneingangsphase fragt, wird die jeweilige Aussagekraft qualitativer und quantitativer Zwischenbefunde erörtert. Darüber hinaus werden Potenziale ihrer Integration in Form von Meta-Inferenzen aufgezeigt und die damit verbundenen Herausforderungen diskutiert.

Das Co-Referat von Lübcke und Heudorfer rundet das Symposium ab, indem es prüft, inwiefern sich der mehrperspektivische und integrative Zugang von Mixed-Methods Ansätzen insbeson­dere für entwicklungs- und gestaltungsorientierte Forschungsvorhaben eignet. Ausgangspunkt bildet die in der BMBF-Ausschreibung zur Begleitforschung zum Qualitätspakt Lehre (QPL) genannte Zielsetzung, die Erkenntnisse der QPL-Projekte für „eine evidenzbasierte Gestaltung von Studium und Lehrbedingungen“ (BMBF, 2013, S.2) nutzbar zu machen. Am Beispiel des Design-Based-Research-Ansatz zeigen die Referentinnen auf, wie sich praktische Entwicklungs­schritte in den Forschungsprozess integrieren lassen, inwiefern diese Schritte im Fall der QPL-Begleitforschung fehlen und welche Herausforderungen damit einhergehen.

 

Literatur

  • Biesta, G. (2011). Warum „What works“ nicht funktioniert: Evidenzbasierte pädagogische Praxis und das Demokratiedefizit der Bildungsforschung. In J. Bellmann & T. Müller (Hrsg.), Wissen, was wirkt. Kritik evidenzbasierter Pädagogik (S. 95–122). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Brahm, T., Jenert, T. & Euler, D. (2016). Pädagogische Hochschulentwicklung – Von der Programmatik zur Implementierung. Wiesbaden: Springer VS.
  • Creswell, J. W., & Plano Clark, V. L. (2007). Designing and conducting mixed methods research. Thousand Oaks: Sage.
  • Denzin, N. K. (2010). Moments, Mixed methods, and Paradigm Dialogs. Qualitative Inquiry, (2010 16), 419 – 427. http://doi.org/120.1177/1077800410364608
  • Dewey, J. (1910/1997). How we think. Mineola: Dover.
  • Flick, U. (2010). Triangulation. In G. Mey & K. Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 278–289). VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Gläser-Zikuda, M., Seidel, T., Rohlfs, C., Gröschner, A., & Ziegelbauer, S. (2012). Mixed Methods in der empirischen Bildungsforschung – eine Einführung in die Thematik. In Mixed Methods in der empirischen Bildungsforschung (S. 8–15). Münster: Waxmann Verlag.
  • Hüther, O., & Krücken, G. (2015). Hochschulen: Fragestellungen, Ergebnisse und Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Hochschulforschung. Wiesbaden: Springer.
  • Johnson, R. B., & Onwuegbuzie, A. J. (2004). Mixed methods research: A research paradigm whose time has come. Educational researcher, 33(7), 14–26.
  • Jütte, W., Walber, M., & Lobe, C. (2016). Hochschulbezogene Lehr-/Lern-Forschung als Basis für die Lehrprofessionalisierung. In Pädagogische Hochschulentwicklung (S. 83–99). Wiesbaden: Springer.
  • Kelle, U. (2001). Sociological explanations between micro and macro and the integration of qualitative and quantitative methods. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research. Abgerufen von http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/966/2108
  • Kelle, U. (2008). Die Integration qualitativer und quantitativer Methoden in der empirischen Sozialforschung. Theoretische Grundlagen und methodologische Konzepte. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Hailikari, T., Kordts-Freudinger, R. & Postareff, L. (in Vorbereitung). Affect as indicator for study pace in first year evaluation.
  • Kuckartz, U. (2014). Mixed Methods: Methodologie, Forschungsdesigns und Analyseverfahren. Wiesbaden: Springer.
  • Onwuegbuzie, A. J., Johnson, R. B., & Collins, K. M. (2009). Call for mixed analysis: A philosophical framework for combining qualitative and quantitative approaches. International Journal of Multiple Research Approaches, 3(3), 114-139.
  • Papadimitriou, A., Ivankova, N., & Hurtado, S. (2013). Addressing Challenges of Conducting Quality Mixed Methods Studies in Higher Education. In Theory and Method in Higher Education Research (Bd. 9, S. 133–153).
  • Schaper, N. (2014). Forschung in der Hochschulbildung. In Handbuch Qualität in Studium und Lehre (S. 69–96). Stuttgart: Raabe.
  • Tashakkori, A., & Teddlie, C. (2008). Quality of inferences in mixed methods research: Calling for an integrative framework. Advances in mixed methods research, 101–119.

 
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