Cendon, Elsholz, Gillen, Kreutz

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Das Spannungsfeld zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt – zur Rolle der Hochschuldidaktik

Einreichende

  • Dr. Eva Cendon (FernUniversität in Hagen)
  • Prof. Dr. Uwe Elsholz (FernUniversität in Hagen); Moderation
  • Prof. Dr. Julia Gillen (Leibniz Universität Hannover)
  • Maren Kreutz (Leibniz Universität Hannover)

Thema und Fragestellung(en)

Die Frage des Arbeitsmarktbezuges von Hochschulen ist seit je her umstritten und war bereits Gegenstand von Kontroversen zwischen Humboldt und Schleiermacher (vgl. Groppe 2016). Während Humboldt eine idealistische Position vertrat, verwies Schleiermacher auch auf die Ausbildungsfunktion von Universitäten und stellte damit einen Arbeitsmarktbezug her. Spätestens durch die Bologna-Reform hat die Frage des Arbeitsmarkt- und Berufsbezugs neue Aufmerksamkeit erfahren. Sie bleibt jedoch bis dato ungeklärt und ist z.T. mit kontrovers diskutierten Begriffen wie dem der „Employability“ verbunden. Die an sich zentrale Frage nach dem Bildungsauftrag von Hochschulen ist auch in der Hochschulforschung erstaunlich wenig thematisiert, doch ist die Frage des Arbeitsmarkbezugs durch eine neuere Publikation des Wissenschaftsrats aktuell prominent thematisiert worden (vgl. Wissenschaftsrat 2014, 2015).

Vor diesem Hintergrund widmet sich das Symposium dem Spannungsfeld zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt und befragt die Hochschuldidaktik:

  • Inwiefern ist eine Arbeitsmarkt- und Praxisorientierung in der hochschulischen Lehre angemessen und notwendig?
  • Welche Ausrichtung benötigt eine Hochschuldidaktik, die Hochschule und Arbeitsmarkt in Verbindung bringen möchte?
  • Wie ist eine Arbeitsmarktorientierung im Studium umzusetzen in curricularer, didaktischer und in methodischer Hinsicht?

Inhaltliche Angaben zu den geplanten Vorträgen inklusive Co-Referaten

Vortrag 1: Prof. Dr. Uwe Elsholz (FernUniversität in Hagen)

Titel: Curricula an Hochschulen zwischen Fachsystematik, Arbeitsmarktbezug und Persönlichkeitsentwicklung – Zur Neuvermessung eines alten Spannungsfeldes

Grundständige Studiengänge an Universitäten sind traditionell weitgehend am Wissenschaftsprinzip orientiert und damit stark fachsystematisch ausgerichtet (vgl. u.a. Gerholz/Sloane 2011). Dabei entsteht ein gravierendes Transferproblem, da die Verbindung zur Arbeits- und Lebenswelt vielfach unklar bleibt. Eine stark fachsystematische Orientierung von Curricula und Lerninhalten ermöglicht nur sehr eingeschränkt bzw. behindert die Entwicklung von Handlungskompetenz – eine Erkenntnis, die in der beruflichen Bildung zentrales Moment für die Abkehr von einer Fachsystematik und die Einführung der Lernfeldorientierung war.

Der Wissenschaftsrat hat in diesem Zusammenhang kürzlich darauf aufmerksam, dass eine Vereinseitigung in der hochschulischen Lehre zu vermeiden ist. Er mahnt dabei insbesondere den notwendigen Arbeitsmarktbezug eines Studiums an (vgl. Wissenschaftsrat 2015). Nimmt man die Forderung und Feststellung des Wissenschaftsrates ernst, so wird deutlich, dass ein Studium gleichermaßen die Fachwissenschaft, die Berufspraxis als auch Persönlichkeitsentwicklung adressieren sollte.

Die Hochschuldidaktik hat hierzu bereits in den 1980er Jahren konzeptionelle Arbeiten vorgelegt (die jedoch wenig Niederschlag in der realen Curriculumentwicklung fanden). Danach können grundlegend drei Prinzipien der Curriculumgestaltung unterschieden werden. Für die Hochschuldidaktik zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Praxis und Person (vgl. Huber 1983; ähnlich Reetz 1984 für die Wirtschaftspädagogik).

Gegenstand des Beitrags ist dabei die Frage, wie sich eine Umsetzung und gleichwertige Berücksichtigung von fachwissenschaftlicher Orientierung, Arbeitsmarktorientierung und Persönlichkeitsentwicklung in didaktisch-curricularer und in methodischer Hinsicht umsetzen lässt. Welche Rolle kommt hierbei der Hochschuldidaktik zu? Zu klären ist in diesem Zusammenhang auch, inwiefern die Entwicklung von Handlungskompetenz Ziel von Hochschulbildung sein kann und was Handlungskompetenz in diesem Kontext bedeutet (evtl. auch in Differenz zur beruflichen Bildung).

Der Vortrag will damit zu einer Präzisierung in begrifflicher und in konzeptioneller Hinsicht beitragen.

Kommentar von Prof. Dr. Julia Gillen:

Titel: Kompetenzorientierung in der Hochschuldidaktik – ein Ansatz zur Verknüpfung von Fachwissenschaft, Berufspraxis und Persönlichkeitsentwicklung?!

Mit der Überlegung, wie sich eine gleichwertige Berücksichtigung von fachwissenschaftlicher Orientierung, Arbeitsmarktorientierung und Persönlichkeitsentwicklung realisieren lässt, ist zugleich die Frage nach der grundsätzlichen Ausrichtung hochschulischer Lehre berührt. In diesem Kontext kann – so soll der Kommentar reflektieren – eine Ausrichtung am Leitbild der Kompetenzorientierung auch für die Hochschuldidaktik angezeigt sein (eine in der beruflichen Bildung seit den 1980er Jahren durchaus kontrovers diskutierte Zielsetzung, die auch in der Hochschuldidaktik eine zunehmende Relevanz zukommt). Als kompetenzorientiert sind Lern- und Ausbildungsprozesse zu bezeichnen, in denen relevante Kompetenzen entwickelt, Lernende individuell gefördert und erbrachte Leistungen adäquat beurteilt werden. Eine Ausrichtung von Studiengängen, Modulkatalogen und Lehrveranstaltungen an einem solchen Leitbild stellt, so die These, einen wesentlicher Ansatz dafür dar, Hochschulen als individuelle Entwicklungsräume zu begreifen und zu gestalten.

Vortrag 2: Dr. Eva Cendon (FernUniversität in Hagen), Kommentar: Maren Kreutz (Leibniz Universität Hannover)

Titel: Weiterbildung an Hochschulen – ein besonderer Zuschnitt

Ziel des Beitrags ist es, die Besonderheiten weiterbildender Studiengänge in ihrer Anlage und Ausrichtung sowie in Bezug auf die adressierten Zielgruppen herauszuarbeiten und die damit verbundenen Herausforderungen zu skizzieren.

Weiterbildende Studiengänge sind im Unterschied zu grundständigen Studiengängen stärker an gesellschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Anforderungen und nicht zuletzt durch ihre Zielgruppen an beruflichen Qualifizierungsinteressen orientiert. Auch wenn das Spektrum von Personen, die an Hochschulen zurückkehren, um wieder in Bildungsprozesse einzusteigen, ein weites ist (siehe unter anderem die im Bund-Länder Wettbewerb Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen avisierten Zielgruppen[1]), so zeigt sich, dass die Gruppe jener, die beruflich qualifiziert weiterbildend studieren möchten mit der Perspektive eines beruflichen Aufstiegs, die bei weitem größte Gruppe ausmacht (vgl. Wolter et al. 2016).

Ein weiterer mit der Zielgruppe verbundener Aspekt berufsbegleitender weiterbildender Studiengänge ist, dass sie einerseits einer fachwissenschaftlichen Logik folgen, andererseits Themen, Probleme, Herausforderungen der unterschiedlichen beruflichen Felder oder Professionen in den Blick nehmen.

Worauf diese Studiengänge aufgrund der Studierenden aber auch auf Basis ihrer eigenen Ausrichtung immer wieder gestoßen werden, sind die unterschiedlichen Wissensarten und Handlungslogiken, die dem beruflichen Kontext auf der einen Seite und dem akademischen Kontext auf der anderen Seite eigen sind (vgl. Cendon/Mörth/Pellert 2016).

Kommentar von Maren Kreutz:

Titel: Weiterbildung an Hochschulen – (Neue) Anforderungen an die Hochschuldidaktik?!

Im Anschluss an die im Vortrag 2 reflektierten Differenzierungsmerkmale weiterbildender Studiengänge und nicht zuletzt im Hinblick auf die Zielgruppen hochschulischer Weiterbildung stellen sich spezifische Anforderungen an die Hochschuldidaktik in diesem Feld. Nach wie vor orientiert sich die Hochschuldidaktik eng an der akademischen Erstausbildung respektive dem grundständigen Studienbereich (vgl. Wildt 2014). Zu einem Problem wird hier, dass die Weiterbildung an Hochschulen im Allgemeinen und die berufstätigen und berufserfahrenen Weiterbildungsstudierenden im Besonderen kaum Gegenstand hochschuldidaktischer Reflexion sind (vgl. u. a. Reinmann 2011; Schiefner 2011). Darüber hinaus ist die Rolle der Lehrenden in der Hochschulweiterbildung noch weitgehend unbestimmt (vgl. Cendon/Mörth/Pellert 2016). Diese Herausforderungen werden thesengeleitet diskutiert.

Literatur

  • Cendon, Eva/Mörth, Anita/Pellert, Ada (Hrsg.) (2016): Theorie und Praxis verzahnen: Lebenslanges Lernen an Hochschulen. Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“. Band 3. Münster: Waxmann.
  • Gerholz, Karl-Heinz; Sloane, Peter (2011): Lernfelder als universitäres Curriculum? – Eine hochschuldidaktische Adaption. In: bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 20, 1-24. Online: http://www.bwpat.de/ausgabe20/gerholz_sloane_bwpat20.pdf  (19-11-2011).
  • Groppe, Carola (2016): Die Universität als pädagogische Institution. Analyse zu Ihrer historischen, aktuellen und zukünftigen Entwicklung. In: Blömeke, Sigrid u.a. (Hrsg.) (2015): Traditionen und Zukünfte. Beiträge zum 24. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Leverkusen: Verlag Barbara Budrich, S. 57-76.
  • Huber, Ludwig (1983): Hochschuldidaktik als Theorie der Bildung und Ausbildung. In: Ders. (Hrsg.): Ausbildung und Sozialisation in der Hochschule. Stuttgart, S. 114-138.
  • Reinmann, Gabi (2011): Förderung von Lehrkompetenz in der wissenschaftlichen Weiterbil-dung: Ausgangslage, Anforderungen und erste Ideen. In: Weil, Markus/Schiefner, Man-dy/Eugster, Balthasar/Futter, Kathrin (Hrsg.): Aktionsfelder der Hochschuldidaktik. Münster u. a., S. 129-150.
  • Reetz, Lothar (1984): Wirtschaftsdidaktik. Eine Einführung in Theorie und Praxis wirtschaftsberuflicher Curriculumentwicklung und Unterrichtsgestaltung. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.
  • Schiefner, Mandy (2011): Hochschuldidaktische Szenarien für die wissenschaftliche Weiter-bildung. In: Weil, Markus/Schiefner, Mandy/Eugster, Balthasar/Futter, Kathrin (Hrsg.): Akti-onsfelder der Hochschuldidaktik. Münster u. a., S. 43-50.
  • Wildt, Johannes (2014): Wissenschaftliche Weiterbildung – ein vergessenes Feld der Hoch-schuldidaktik? Im Gespräch mit Johannes Wildt. In: Hochschule und Weiterbildung, (2014) 2, S. 9-12.
  • Wissenschaftsrat (2014): Empfehlungen zum Verhältnis von Hochschulbildung und Arbeitsmarkt. Erster Teil der Empfehlungen zur Qualifizierung von Fachkräften vor dem Hintergrund des demographischen Wandels. Drs. 3818-14. Darmstadt.
  • Wissenschaftsrat (2015): Empfehlungen zum Verhältnis von Hochschulbildung und Arbeitsmarkt. Zweiter Teil der Empfehlungen zur Qualifizierung von Fachkräften vor dem Hintergrund des demographischen Wandels. Drs. 4925-15. Bielefeld.
  • Wolter, Andrä/Banscherus, Ulf/Kamm, Caroline (Hrsg.) (2016): Zielgruppen Lebenslangen Lernens an Hochschulen. Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“. Band 1. Münster: Waxmann.

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[1] Siehe http://www.wettbewerb-offene-hochschulen-bmbf.de/

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