Garnjost, Kühne, Roth, Gerholz, Meyer, Sporer

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Bildung durch Engagement? – Erforschung von Lehr- und Lernaktivitäten an der Schnittstelle zwischen
Hochschule und Zivilgesellschaft

Einreichende (a-z)

  • Petra Garnjost, Prof. Dr.
    HTW Saar
  • Julia Maria Kühne, M.Sc.
    Universität Leipzig
  • Christiane Roth, M.A.
    freiberuflich, zuletzt Universität Halle
  • Karl-Heinz Gerholz, Prof. Dr.
    Universität Bamberg
  • Philip Meyer, M.A.
    Leibniz-Institut für Wissensmedien
  • Thomas Sporer, M.A.
    KU Eichstätt-Ingolstadt

 

Fragestellungen des Symposiums

Eine Reihe an Hochschulen in Deutschland widmet sich derzeit der Stärkung der zivilgesellschaftlichen Dimension des Lehrhandelns von Wissenschaftlern/-innen (Backhaus-Maul & Roth, 2013). Dies geschieht u.a. in Rückgriff auf das Konzept „Service Learning“, welches einerseits als Methode zur anwendungsbezogenen Förderung von Kompetenzen und andererseits als Vehikel zur Öffnung von Hochschulen diskutiert wird, um gesellschaftliche Fragestellungen in enger Kooperation mit Bürgern/‑innen und zivilgesellschaftlichen Kooperationspartnern zu bearbeiten. Im Kontext des wachsenden Hochschulnetzwerks „Bildung durch Verantwortung“ (o.J.) hat sich in den vergangenen Jahren eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe gebildet, die sich der Erforschung der Implikationen des Konzepts Service Learning widmet. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee eines Symposiums, das folgende Fragen behandelt:

  1. Welche empirische Evidenz besteht für die (bessere) Erfüllung von fachlichen und überfachlichen Lernzielen beim Service Learning?
  2. Welche Relevanz hat konkreter (Zivil-)Gesellschaftsbezug in der Hochschullehre?
  3. Welche Spezifika und Gemeinsamkeiten lassen sich für die didaktische Ausgestaltung von Service-Learning-Lehre in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen formulieren?

 

Ablauf des Symposiums

 

15 min. Co-Referat „Relevanz von Civic-Engagement-Konzepten für die deutschsprachige Hochschullandschaft und -forschung“
(Karl-Heinz Gerholz)
30 min. Vortrag „Service Learning aus Perspektive der Wissenschaftsdisziplinen: Gelingensbedingungen und Gestaltungsformen“
(Philip Meyer)
30 min. Vortrag „Beitrag von Service Learning für die Kompetenzentwicklung und Zufriedenheit von Studierenden“
(Petra Garnjost & Julia Maria Kühne)
15 min. Co-Referat „Vielfalt didaktischer Ansätze von Service Learning an Hochschulen“
(Christiane Roth)
30 min. Diskussion
(Moderation: Thomas Sporer)

 

Vortragsbeschreibungen

Co-Referat „Relevanz von Civic-Engagement-Konzepten für die deutschsprachige Hochschullandschaft und -forschung“ (Karl-Heinz Gerholz)

Im Mittelpunkt des aus dem US-amerikanischen Raum stammenden Civic-Engagement-Diskurses steht die Verbindung von Bildungsprozessen mit zivilgesellschaftlichen Bedürfnissen (vgl. u.a. Jacoby, 2009; Dewey, 1916). Dies konkretisiert sich u.a. über Konzepte wie Service Learning. Für die deutschsprachige Hochschullandschaft kann der Civic-Engagement-Diskurs einen Impuls für die Diskussion um das Bildungskonzept von Hochschulen und die Erforschung von zivilgesellschaftlich eingebetteten Lernprozessen darstellen. Daraus ergeben sich zwei Fragestellungen: Aus bildungstheoretischer Perspektive geht es um die Analyse der Potentiale und Passungsprobleme des Civic-Engagement-Konzeptes für die deutschsprachige Hochschulbildung (z.B. Community-Orientierung vs. Einheit von Lehre und Forschung) (vgl. u. a. Muller, 1999; Gerholz & Losch, 2015). Aus Lernforschungsperspektive ist zu ergründen, welche Aussagekraft und Orientierungsleistung die primär aus dem US-amerikanischen Raum stammenden empirischen Befunde für die deutsche Hochschulforschung bieten können (u.a. Kontextspezifität, vgl. Gerholz et al., 2015). Beide Perspektiven sollen prägnant im Co-Referat aufgenommen werden und damit eine Rahmung (u.a. Darstellung des Forschungsbedarfes) des Symposiums darstellen.

 

Vortrag „Service Learning aus Perspektive unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen: Gelingensbedingungen und Gestaltungsformen“ (Philip Meyer)

Die im Vortrag vorgestellte Dissertation untersucht, was Hochschullehrende verschiedener Fachkulturen dazu bewegt, Lehre unter Einbezug der Zivilgesellschaft („Service Learning“) durchzuführen und wie disziplinäre Spezifika die didaktische Ausgestaltung aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive (Reich, 1998) beeinflussen. Methodisch betrachtet die Arbeit den Gegenstand anhand von leitfadengestützten Expert/inneninterviews mit Lehrenden aus den Sozial-, Geistes-, Ingenieur-, Natur- und Lebenswissenschaften, welche bereits seit längerem Service Learning in ihrer Lehre umsetzen. Im Vortrag soll der Fokus auf die motivationalen Faktoren der Zuwendung zu Service Learning gelegt werden. Aus bisherigen Studien im internationalen Kontext ist bekannt, dass Motivation bei der Lehrform v.a. individuell in erwarteten Lehr-/Lernerfolgen und im institutionellen Support begründet liegt (Vogelgesang et al., 2010). Darüber hinaus betrachtet der Vortrag die didaktische Ausgestaltung der Lehre und das Vorhandensein (auch medienvermittelter) studentischer Partizipation bei der Auswahl von Zielstellungen und Umsetzungsformen.

Beim Symposium sollen Ergebnisse der Dissertation vorgestellt werden.

 

Vortrag „Beitrag von Service Learning für die Kompetenzentwicklung und Zufriedenheit von Studierenden“ (Petra Garnjost & Julia Maria Kühne)

Im zweiten Vortrag werden vergleichend zwei Studien (US-amerikanischer und deutschsprachiger Raum) zu den Effekten von Service Learning auf die Kompetenzentwicklung vorgestellt. Ziel ist es, die Wirkungen der Methode vor dem Hintergrund unterschiedlicher Bildungstraditionen zu beschreiben.

Im Rahmen der US-Studie (vgl. Garnjost & Lawter, 2016) wurden 305 amerikanische Undergraduates zu Lernergebnissen und Zufriedenheit in Abhängigkeit der gewählten Lehrmethode befragt. Es zeigten sich von mehreren Lerner-zentrierten Methoden einzig für projektbasiertes Lernen im Vergleich zur Vorlesung signifikant positive Ergebnisse hinsichtlich Wissenserwerb, Problemlösefähigkeit, kritischem Denken und Selbstlernfähigkeit. Für „Service Learning“, in der Studie breit definiert als selbstorganisiert oder instruktional gestalteter Community Service außerhalb der Hochschule (Typologie nach Furco, 1996), sind keine Unterschiede in den Lernergebnissen nachzuweisen; Es führte im Gegenteil zu signifikant niedrigerer Zufriedenheit im Vergleich zur Vorlesung. Die Ergebnisse überraschen insofern, da Vorlesungen in den USA derzeit ein schlechtes Image genießen, weil sie Frauen, Minoritäten und sozial schwächer gestellte Familien benachteiligen (Eddy & Hogan, 2014). Die involvierten Studierenden nehmen dies anders wahr: Die Vorlesung erzielt im Vergleich zu Lerner-zentrierten Methoden ähnlich gute Lernergebnisse und Zufriedenheitswerte. Dies könnte darin begründet sein, dass die Vorlesungen am untersuchten College keine 60- bis 90-minütigen Monologe sind, sondern eine Mischung aus passiv-instruktionalen und aktiven Elementen (Übungen, Diskussion von Fallbeispielen, etc.) für Gruppen von maximal 35 Studierenden. Eine weitere Erklärung könnte sein, dass Studierende das Format Vorlesung gewohnt sind und es als weniger anstrengend im Vergleich zu Lerner-zentrierten Formaten erlebt wird.

Der anschließende Vortrag zur Masterarbeit von Julia Maria Kühne berichtet speziell für Service Learning in einigen Bereichen positive Auswirkungen. Sie befragte 71 Lehrende und Studierende mittels web-basierter Fragebögen zur Kompetenzentwicklung durch die Methode. Die Erhebung ergab, dass mit der Teilnahme vor allem Lerneffekte im Bereich der Sozial- und Fachkompetenzen verbunden werden.

 

Co-Referat „Vielfalt von Lehr- und Lernaktivitäten mit Zivilgesellschaftsbezug an Hochschulen: Service Learning and more” (Christiane Roth)

Auf der Plattform www.campus-vor-ort.de (CvO) finden sich mehr als 150 Beschreibungen von Lehr- und Lern-Aktivitäten, die explizit einen Beitrag zur Bearbeitung (zivil-)gesellschaftlicher Fragen leisten wollen oder sich als eine Form der gesellschaftsbezogenen Verantwortungsübernahme durch Studierende, Lehrende oder Hochschulen als Organisation verstehen. Eine mehrstufige quantitative und qualitative Inhaltsanalyse dieser Beschreibungen und hinzugefügter Dokumente (z.B. Flyer, Poster) soll die jeweils benannten Ziele, Inhalte und Methoden identifizieren und feststellen, ob explizite Zuordnungen zu Konzepten wie Service Learning, Campus Community Partnership etc. vorgenommen werden. Aus den Ergebnissen der Analyse wird das auf der Plattform CvO vertretene Verständnis von Service Learning abgeleitet. Dieses induktiv gewonnene Begriffsverständnis wird mit angelsächsischen Definitionen und Auflistungen von Qualitätskriterien im Service Learning verglichen (vgl. Bringle & Hatcher, 1995, S. 112; NYLC, 2008; Sigmon, 1979, S. 10). Der Vortrag präsentiert Ergebnisse der Inhaltsanalyse und diskutiert das Verhältnis des empirisch abgeleiteten deutschen Service-Learning-Begriffs zu seinem angelsächsischen Pendant.

Literatur

  • Backhaus-Maul, H. & Roth, C. (2013). Service Learning an Hochschulen in Deutschland: ein erster empirischer Beitrag zur Vermessung eines jungen Phänomens. Wiesbaden: Springer-Verlag.
  • Bringle, R. G.; Hatcher, J. A. (1995). A Service-Learning curriculum for faculty. In Michigan Journal of Community Service (2), 112-122.
  • Dewey, J. (1916). Demokratie und Erziehung: Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik, Übersetzt von J. Oelkers. Weinheim: Beltz.
  • Eddy, S. L. & Hogan, K.A. (2014). Getting under the hood: how and for whom does increasing course structure work? In CBE-Life Sciences Education 13.3, 453-468.
  • Furco, A. (1996). Service-learning: a balanced approach to experiential education. In B. Taylor & Corporation for National Service (Hrsg.), Expanding Boundaries: Serving and Learning, 2-6. Washington, DC: Corporation for National Service.
  • Garnjost, P. & Lawter, L. (2016).What’s wrong with lecturing? Undergraduates’ satisfaction and perceptions of learning outcomes of different teaching pedagogies. IAMB Conference proceedings, Mai 2016, Montreal, Canada.
  • Gerholz, K.-H. & Losch, S. (2015). Can service learning foster a social responsibility among students? – A didactical analysis and empirical case-study in business education at a German university. In L. O’Riordan, S. Heinemann & P. Zmuda (Hrsg.), New Perspectives on Corporate Social Responsibility: Locating the Missing Link, 602-622.
  • Gerholz, K.-H., Liszt, V. & Klingsieck, K. B. (2015). Didaktische Gestaltung von Service Learning – Ergebnisse einer Mixed Methods-Studie aus der Domäne der Wirtschaftswissenschaften. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 28, 1-23.
  • Hochschulnetzwerk “Bildung durch Verantwortung” (o.J.). Mitgliederhochschulen des Netzwerks. Webseitenartikel. Verfügbar unter: http://www.bildung-durch-verantwortung.de/mitglieder, zuletzt geprüft am 14.03.2016.
  • Jacoby, B. (2009). Civic engagement in higher education. Concepts and practices. San Francisco: Jossey-Bass.
  • Muller, S. (1999). Deutsche und Amerikanische Universitäten im Zeitalter der Kalkulation. In M. G. Ash (Hrsg.), Mythos Humboldt: Vergangenheit und Zukunft der deutschen Universitäten, 195-199. Wien, Köln, Weimar: Böhlau.
  • National Youth Leadership Council (2008): K-12 Service-Learning Standards for Quality Practice. Verfügbar unter: https://nylcweb.files.wordpress.com/2015/10/standards_document_mar2015update.pdf, zuletzt geprüft am 14.03.2016.
  • Reich, K. (2005). Systemisch-konstruktivistische Pädagogik: Einführung in Grundlagen einer interaktionistisch-konstruktivistischen Pädagogik. Weinheim: Beltz.
  • Sigmon, R. L. (1979): Service Learning: Three Principles. In Synergist 8 (1), 9-11.
  • Vogelgesang, L J., Denson, N. & Jayakumar, U. M. (2010). What determines faculty-engaged scholarship? The Review of Higher Education, 33, 437-472.

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