Gerholz, Metzger, Kobarg

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Motivationale Verlaufsmerkmale in hochschulischen Lernprozessen – Eine entwicklungs- und forschungsorientierte Perspektive

Einreichende:

  • Karl-Heinz Gerholz, Universität Bamberg
  • Christiane Metzger, Fachhochschule Kiel
  • Moderation: Mareike Kobarg, Fachhochschule Kiel

 

(1) Fragestellung

Das Symposium hat zwei Ausgangspunkte: (a) einen inhaltlichen und (b) einen forschungsmethodischen. Inhaltlich geht es um den Aspekt der Motivation in hochschulischen Lernprozessen, welcher aus lerntheoretischer Perspektive ein relevanter Faktor für gelungenes Lernen darstellt (vgl. z.B. Schiefele, Streblow, Ermgassen & Moschner, 2003; Urhahne, 2006). Gleichzeitig wurde Motivation bisher nur selten als Verlaufsmerkmal innerhalb von Lernprozessen untersucht; vereinzelt finden sich Studien auf Studiengangebene (vgl. Brahm & Jenert, 2014), aber kaum auf Modulebene. Dies ist deshalb von Relevanz, da Module die Kernelemente hochschulischer Curricula darstellen.

Im Symposium werden zwei Studien zu motivationalen Verlaufsmerkmalen und deren Korrespondenz zum jeweiligen Lernverlauf und didaktischen Design auf Modulebene vorgestellt. Das Erkenntnisinteresse liegt darin, einen Beitrag zu Theorieentwicklung motivationaler Verlaufsmerkmale in hochschulischen Lernprozessen zu leisten. Gleichzeitig sind die beiden Vorträge Gegenstand einer forschungsmethodischen Ebene, indem der Frage nachgegangen werden soll, welche ‚Evidenz’ die vorgestellten Ergebnisse aufweisen. Damit wird die Fragestellung aufgegriffen, inwiefern Ergebnisse der hochschulischen Lehr-Lernforschung einen scientific impact hinsichtlich wissenschaftlicher Belastbarkeit und Reichweite sowie gleichzeitig einen design impact hinsichtlich einer didaktischen Orientierungsleistung für die Lehr-Lernpraxis haben (können/sollen). Beide Perspektiven werden über die Co-Referate aufgenommen, die den Implikationszusammenhang jeweils aus der pädagogisch-psychologischen Methodologie (Ingrid Scharlau, Universität Paderborn) sowie der Didaktik und Gestaltung (Silke Bock, Technische Hochschule Mittelhessen) aufnehmen.

(2) Beiträge

Beitrag 1: Motivationales Erleben von Service Learning – Eine Mixed Method-Studie im Bereich der Wirtschaftswissenschaften

Karl-Heinz Gerholz, Universität Bamberg & Katrin B. Klingsieck, Universität Paderborn

Das Veranstaltungsformat Service Learning (SL) verbindet curriculare Inhalte mit zivilgesellschaftlichem Engagement. Empirische Studien zeigen, dass SL neben der fachlich-methodischen Kompetenzentwicklung das Potenzial hat, einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung zu leisten, indem die Lernenden für soziale Belange der Zivilgesellschaft sensibilisiert werden und das eigene Selbstbild weiterentwickeln (u.a. Vorio & Ye, 2012). Bisher ist die Überprüfung der empirischen Befunde aus dem angloamerikanischen Raum für den deutschsprachigen Kontext – v. a. hinsichtlich des motivationalen Erlebens – weitgehend ausgeblieben. Zudem wird der Zusammenhang zwischen der didaktischen Gestaltung von SL und den Lernergebnissen wenig untersucht (u. a. Gerholz, Liszt & Klingsieck, 2015).

Dieser Beitrag fokussiert auf die motivationalen Aspekte und darauf, welche Wechselwirkungen zu den Lernergebnissen und didaktischen Gestaltungselementen (u.a. Input-, Beratungs- und Reflexionsphasen) in SL-Settings bestehen. Dazu präsentieren wir die Ergebnisse einer Mixed Method-Studie (Creswell & Clark, 2010), in der die Selbstwirksamkeit und die Zielorientierungen der Lernenden im Vordergrund standen. Insgesamt nahmen 451 Studierende der Wirtschaftswissenschaften an der Studie teil, von denen 88 ein SL-Seminar besuchten und 363 ein nicht SL-Seminar (Kontrollgruppe). In einem Pre-Post-Gruppen-Design füllten die Studierenden einen Fragebogen aus, der u.a. Skalen zur Erfassung der Zielorientierungen (SELLMO; Spinath & Schone, 2003) und Selbstwirksamkeit (adaptiert nach Schwarzer & Jerusalem, 1999; bezogen auf den Lernprozess und bezogen auf den Serviceprozess) enthielten. Jeweils zwei Studierende pro Serviceprojekt (n = 20) wurden nach dem Seminar mittels problemzentrierter Interviews (Witzel, 2000) befragt. Die quantitative Datenanalyse zeigt auf, dass die Lernzielorientierung der SL-Studierenden und die Leistungszielorientierung der Kontrollgruppe zu Beginn höher ist als am Ende. Die Selbstwirksamkeit nahm in beiden Gruppen von Prä- zu Posttest an Stärke zu. Diese Zunahme war in der SL-Gruppe stärker ausgeprägt. Die qualitative Inhaltsanalyse der Interviews zeigte, dass diese motivationalen Aspekte im Zusammenhang mit der didaktischen Gestaltung des SL-Moduls stehen (u.a. subjektive Wahrnehmung der Beratungsphasen).

Beitrag 2: Zur Rolle von Lernmotivation für das Zusammenspiel von Prüfungsdesign, Workload und Prüfungserfolg

Christiane Metzger & Mareike Kobarg, Fachhochschule Kiel

Die zweite Studie lässt sich dem interventionsorientierten Ansatz des Design Based Research zuordnen, der zum Ziel hat, durch systematische Gestaltung, Durchführung, Überprüfung und Re-Design die Komplexität des Lernens zu untersuchen (Reinmann, 2005): Ausgangspunkt der Überlegungen war die auch an der Fachhochschule Kiel auftretende Problematik, dass viele Studierende Schwierigkeiten mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern haben und zuweilen daran scheitern (Heublein & Wolter, 2011), was u.a. auf ihre Motivationslagen und ihr Lernverhalten zurückgeführt werden kann (Metzger, Schulmeister & Martens, 2012). Dementsprechend sollten geeignete methodisch-didaktische Maßnahmen entwickelt, ihre Wirkung untersucht und auf diese Weise in einem iterativen Prozess die Entwicklung der Module bzw. des Studiengangs vorangetrieben werden. Am Fachbereich Maschinenwesen der Fachhochschule Kiel wird u.a. die Mathematik-Lehre kontinuierlich weiterentwickelt, seit 2011 im Rahmen des Qualitätspakt-Lehre-Projekts „Lehre vielfältig gestalten – Qualifizierte Betreuung & Innovative Studienmodelle“ (LQI, TP I/6, FKZ 01PL11097). Seit 2012 wird die Wirkung der Maßnahmen durch unterschiedliche methodische Zugänge untersucht, die seitens des Projekts „Mehr StudienQualität durch Synergie – Lehrentwicklung im Verbund von Fachhochschule und Universität“ (MeQS, FKZ 01PL12070A) durchgeführt werden.

Im Vortrag werden Befunde zur Wirkung der Maßnahmen vorgestellt. Auf der Grundlage eines Modells der Lernmotivation, des Integrierten Lern- und Handlungsmodells (Martens, 2012), wird das Lernverhalten Studierender im Studiengang B.Eng. Maschinenbau mit einer Latenten Klassenanalyse untersucht (N = 70, 2. Fachsemester). Die Gruppenprofile werden zu Noten und Workload-Daten einer Zeitbudget-Erhebung in Bezug gesetzt und vor dem Hintergrund von studentischen Selbstberichten zur Erwartungshaltung zu Studienbeginn sowie auf den didaktischen Kontext bezogen interpretiert; dabei stehen die auf das Prüfungsdesign bezogenen durchgeführten Maßnahmen im Mittelpunkt der Betrachtung (summative Prüfungen zum Ende der Vorlesungszeit vs. semesterbegleitende, teilweise formative Prüfungen). Die Zuordnung von Studierenden zu Motivationsprofilen in Relation zu ihrem Lernverhalten ermöglicht eine genauere Aufklärung der Frage, warum eine Maßnahme bei manchen Studierenden mehr und bei anderen weniger Erfolge zeigt. Des Weiteren werden methodisch-didaktische Konsequenzen, die aus der Untersuchung gezogen wurden bzw. gezogen werden sollen, diskutiert.

Litratur

  • Brahm, T., & Jenert, T. (2014). The crucial first year: The development of students’ motivation at a Business School – a Mixed Methods Study. Paper presented at the Special Interest Group Higher Education, Leuven.
  • Creswell, J. W. & Clark, V. L. (2010). Designing and conducting mixed methods research. 2nd. ed. London, GB: Sage Publications, Ltd.
  • Gerholz, K. H., Liszt, V. & Klingsieck, K. B. (2015). Didaktische Gestaltung von Service Learning – Ergebnisse einer Mixed Methods-Studie aus der Domäne der Wirtschaftswissenschaften. bwp@ Berufs- und  Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 28, 1-23. URL: http://www.bwpat.de/ausgabe28/gerholz_etal_bwpat28.pdf (26.02.2016).
  • Heublein, U. & Wolter, A (2011). Studienabbruch in Deutschland. Definition, Häufigkeit, Ursachen, Maßnahmen. Zeitschrift für Pädagogik, 57 (2), 214-236.
  • Martens, T. (2012): Was ist aus dem Integrierten Handlungsmodell geworden? In Kempf, W. & Langeheine, R. (Hrsg.), Item-Response-Modelle in der sozialwissenschaftlichen Forschung (S. 210-229). Berlin: Verlag Irena Regener, 210-229.
  • Metzger, Ch., R. Schulmeister & T. Martens (2012): Motivation und Lehrorganisation als Elemente von Lernkultur. Zeitschrift für Hochschulentwicklung, Jg. 7, Nr. 3, 36-50.
  • Reinmann, G. (2005). Innovation ohne Forschung? Ein Plädoyer für den Design-Based Research-Ansatz in der Lehr-Lernforschung. Unterrichtswissenschaft, 1, 52-69.
  • Schiefele, U., Streblow, L., Ermgassen, U. & Moschner, B. (2003). Lernmotivation und Lernstrategien als Bedingungen der Studienleistung. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 17(3), 185-198.
  • Schwarzer, R. & Jerusalem, M. (Hrsg.) (1999). Skalen zur Erfassung von Lehrer- und Schülermerkmalen. Dokumentation der psychometrischen Verfahren im Rahmen der Wissenschaftlichen Begleitung des Modellversuchs Selbstwirksame Schulen. Berlin: Freie Universität Berlin.
  • Spinath, B. & Schöne, C. (2003). Subjektive Überzeugungen zu Bedingungen von Erfolg in Lern- und Leistungskontexten und deren Erfassung. In J. Stiensmeier-Pelster & F. Rheinberg (Hrsg.), Diagnostik von Motivation und Selbstkonzept (S. 15-27). Göttingen: Hogrefe.
  • Urhahne, D. (2006). Die Bedeutung domänenspezifischer epistemologischer Überzeugungen für Motivation, Selbstkonzept und Lernstrategien von Studierenden. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 20(3), 189-198.
  • Yorio, P.L. & Ye, F. (2012): A Meta-Analysis on the Effects of Service-Learning on the Social, Personal, and Cognitive Outcomes of Learning. Academy of Management Learning & Education, 11(1), 9-27.
  • Witzel, A. (2000). Das problemzentrierte Interview [25 Absätze]. In Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 22, URL: http://nbn- resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0001228. (26.02.2016).

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