Ulrich, Heckmann, Fritzsche, Klingsieck/Müsche/Praetorius

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Hochschuldidaktische Qualifikation: Bewertung, Lehrkompetenzentwicklung, Zielorientierungen und studentische Lernstrategien

Einreichende

Vortragende Titel Form
Immanuel Ulrich Der Einfluss hochschuldidaktischer Workshopinhalte auf die Workshopevaluationsergebnisse Vortrag 30 Min.
Carmen Heckmann Lehrkompetenzentwicklung in der Hochschullehre: Videoanalytische Auswertung mit einem hochinferenten Rating Vortrag 30 Min.
Eva S. Fritzsche Motivation von Lehrenden an Hochschulen als Voraussetzung für die Weiterbildung Co-Referat 15 Min.
Katrin B. Klingsieck, Hanna S. Müsche & Saskia Praetorius Erfassung von Lernstrategien im Studium: Vorstellung einer Kurzversion des LIST Co-Referat 15 Min.

 

Fragestellung(en), die das Symposium behandeln will (Bezug zum Veranstaltungsthema)

Im Zuge umfangreicherer hochschuldidaktischer Qualifikation von Lehrenden ist die Wirkung dieser Angebote auf Lehrende und Studierende Teil der inneruniversitären Diskussion. Um sich der Hochschuldidaktikforschung und -angebote nicht stellen zu müssen, führen kritische Lehrende diverse Argumente an. Dieses Symposium möchte vier Thesen der KritikerInnen untersuchen: Ist die generelle Qualität der Weiterbildungsinhalte zweifelhaft und nicht nachweisbar (Vortrag 1), findet keine Lehrkompetenzentwicklung statt bzw. ist diese nicht messbar (Vortrag 2), ist die Zielorientierung der Lehrenden für diese und deren Studierende nebensächlich (Vortrag 3) und ist die Quantität der studentischen Lernzeit relevant und deren Qualität darüber hinaus (z.B. adäquate Lernstrategien) nicht ökonomisch erfassbar (Vortrag 4)?

 

Inhaltliche Angaben zu den beiden geplanten Vorträgen inklusive Co-Referaten

Der Einfluss hochschuldidaktischer Workshopinhalte auf die Workshopevaluationsergebnisse (I. Ulrich)

Hochschuldidaktische Weiterbildung für Nachwuchslehrende scheint sich positiv auf deren Lehrkompetenzen auszuwirken (z.B. Gibbs & Coffey, 2004; Howland & Wedman, 2004; Johannes, 2011; Ulrich, 2013). Die konkreten Inhalte dieser Weiterbildungen sind aber meist recht ungenau definiert und variieren qualitativ. Ungeachtet dessen bewerten WeiterbildungsteilnehmerInnen alle (!) Workshopinhalte als hilfreich (Johannes, Fendler & Seidel, 2013). Die dortige Stichprobe (N=12) mag aber selektiv, die Workshopauswahl zu homogen gewesen sein.

In unserer Studie nahmen 2012-2016 insgesamt 1.228 Nachwuchslehrende an 132 hochschuldidaktischen Workshops teil (N=69 Workshopleitende). Jeder Workshop wurde evaluiert, alle Skalen wurden aus validierten Lehrevaluationsfragebögen (z.B. Staufenbiel, 2000) auf den hochschuldidaktischen Workshopkontext adaptiert.

Zusätzlich wurden alle medial präsentierten Workshopinhalte (PowerPoint Folien, Fotoprotokolle der Flipcharts und Pinnwände, Filme etc.) erfasst. Diese Inhalte wurden von drei Mitarbeitenden über eine qualitative Inhaltsanalyse kategorisiert und anschließend quantifiziert. Zusätzlich wurden die präsentierten Literaturquellen gezählt und bzgl. empirischer Fundierung und Impact Factor bewertet.

Die Workshopinhalte (UV) werden Ende März über eine Mehrebenenanalye (Level 1: 132 Workshops, Level 2: 69 Workshopleitende) mit der Workshopevaluation (AV) regressionsanalytisch untersucht und die Ergebnisse in diesem Beitrag präsentiert.

 

Lehrkompetenzentwicklung in der Hochschullehre: Videoanalytische Auswertung mit einem hochinferenten Rating (C. Heckmann)

In diesem Beitrag sollen die Ergebnisse der Entwicklung eines insgesamt 8 Bewertungsdimensionen (z.B. Lernzielorientierung und Aktivierung von Studierenden) umfassenden hochinferenten Ratings vorgestellt werden, das durch die Forschungsmethodik der direkten Beobachtung mittels Videoanalysen zur Betrachtung von Lehrkompetenzen eingesetzt werden kann.

Um Unterrichtsgeschehen und Unterrichtsqualität an Hochschulen zu analysieren wurden zur Entwicklung des Ratings bewährte Instrumente aus der Bildungsforschung, die bisher vorwiegend in Schulen zum Einsatz kamen (z.B. Hiebert et al., 2003; Seidel, Prenzel, Duit & Lehrke, 2003), für den Hochschulkontext adaptiert und modifiziert. Das Rating wurde zur längsschnittlichen Analyse von 36 Seminarsitzungen (12 Lehrende, 3 Messzeitpunkte, 108h Videomaterial) an der Goethe-Universität Frankfurt eingesetzt und Veränderungen in der Lehrkompetenz bei 12 Teilnehmenden einer hochschuldidaktischen Weiterbildung von geschulten Ratern ausgewertet. Die theoriegeleitete Konzeption des Ratings (u. a. nach Bos & Tarnai, 1999; Born, Loßnitzer & Schmidt, 2006; Johannes, Fendler, Hoppert und Seidel, 2011) und die Ergebnisse der Validierung werden in diesem Beitrag vorgestellt und die Generalisierbarkeit des Ratings und Anwendungsmöglichkeiten für den hochschuldidaktischen Weiterbildungskontext sowie die hochschuldidaktische Forschung interpretiert und diskutiert.

 

Motivation von Lehrenden an Hochschulen als Voraussetzung für die Weiterbildung (E. S. Fritzsche)

Um ein Lernangebot zu gestalten, das die Studierenden beim Kompetenzerwerb unterstützt, benötigen Lehrende nicht nur fachliche, sondern auch hochschuldidaktische Kompetenzen, die sie beispielsweise in hochschuldidaktischen Weiterbildungen erwerben und ausbauen können (Baumert & Kunter, 2006). Ausgehend von Ergebnissen der Unterrichtsforschung ist zu erwarten, dass eine Lernzielorientierung der Lehrenden günstig für den Besuch hochschuldidaktischer Weiterbildungen und damit für den Erwerb hochschuldidaktischer Kompetenzen ist: Lernzielorientierte Lerner setzen sich vertiefter mit den zu lernenden Inhalten auseinander (Valle et al., 2003). Dies spricht dafür, dass eine Lernzielorientierung mit dem vermehrten Besuch hochschuldidaktischer Weiterbildungen und mit einer höheren Lehrkompetenz einhergeht. Als Ausgangspunkt für zukünftige längsschnittliche Studien werden in dem vorliegenden Beitrag zunächst querschnittliche Zusammenhänge zwischen der Lernzielorientierung, dem Besuch hochschuldidaktischer Weiterbildungen und der selbsteingeschätzten Lehrkompetenz untersucht. Dabei wird das didaktische Vorwissen kontrolliert, indem die fachliche Nähe der Lehrenden zur Hochschuldidaktik erfasst wird.

 

Erfassung von Lernstrategien im Studium: Vorstellung einer Kurzversion des LIST (K. B. Klingsieck, H. S. Müsche & S. Praetorius)

Möchte man den Einfluss von Aspekten der Hochschullehre, so zum Beispiel der Zielorientierung oder Lehrkompetenz der Lehrenden, auf den Lernerfolg erfassen, so wird häufig neben der Studienleistung in Form von Noten auch der Einsatz von Lernstrategien erfasst. Der Fragebogen „Lernstrategien im Studium“ (LIST; Wild & Schiefele, 1994) wird dazu beständig eingesetzt. Mit 77 Items ist dieser Fragebogen jedoch sehr umfangreich, schränkt dadurch den Einsatz weiterer Instrumente ein und reduziert die Motivation der Lehrenden, die Lernstrategien der Studierenden in ihren Lehrveranstaltungen zu erfassen bzw. erfassen zu lassen.

Der Beitrag von Klingsieck, Müsche und Praetorius präsentiert die Entwicklung und Validierung einer Kurzversion des LISTs. Mittels drei Studien (insgesamt N = 1037; 70% weiblich; 21 Jahre alt, 2. Semester) konnte der Fragebogen auf 39 Items reduziert werden, die eine ökonomische, reliable und valide Variante des LISTs darstellen. Dazu wurde der Itempool anhand iterativer Hauptkomponentenanalysen reduziert (Studie 1), deren Faktorenstruktur mittels konfirmatorischer Faktorenanalyse überprüft (Studie 2) und die Konstruktvalidität anhand der Korrelationen mit anderen Instrumenten gezeigt (Studie 3). Die Ergebnisse der Validierungsstudie werden abschließend in Blick auf die Einsatzmöglichkeiten des LISTs in der Hochschuldidaktikforschung diskutiert.

Literatur (aller Beiträge)

  • Baumert, J. & Kunter, M. (2006). Stichwort: Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 9 (4), 469-520.
  • Bos, W. & Tarnai, C. (1999). Content analysis in empirical social research. International Journal of Educational Research, 21, 659-671.
  • Born, S., Loßnitzer, T. & Schmidt, B. (2006). Lehrveranstaltungsevaluation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena – Eine Analyse der Dimensionalität der eingesetzten Fragebögen. In B. Krause & P. Metzler (Hrsg.), Empirische Evaluationsmethoden (Band 10, S. 99 – 116). Berlin: ZeE Verlag.
  • Gibbs, G. & Coffey, M. (2004). The impact of training of university teachers on their teaching skills, their approach to teaching and the approach to learning of their students. Active Learning in Higher Education, 5 (1), 87–100.
  • Hiebert, J., Gallimore, R., Garnier, H., Givvin, K.B., Hollingsworth, H., Jacobs, J.K., Wearne, D., Smith, M., Kersting, N, & Stigler, J. (2003). Teaching Mathematics in seven countries: Results from the TIMSS 1999 Video Study. Washington, DC: US Department of Education, National Center for Educational Statistics.
  • Howland, J. & Wedman, J. (2004). A process model for faculty development: Individualizing technol-ogy learning. Journal of Technology and Teacher Education, 12 (2), 239–262.
  • Johannes, C. (2011). Bedingungen für kohärentes Lehrhandeln in der Hochschullehre: Vorstellungen und Reflexionen von Lehranfängern und deren Bedeutung für die Professionalisierung. München: Technische Universität München. Verfügbar unter: https://mediatum.ub.tum.de/doc/1094688/1094688.pdf [29.02.2016]
  • Johannes, C., Fendler, J., Hoppert, A., & Seidel, T. (2011). Projekt LehreLernen (2008 – 2010): Dokumentation der Erhebungsinstrumente. Münster: Monsenstein und Vannerdat.
  • Johannes, C., Fendler, J., & Seidel, T. (2013). Teachers´ perception of the learning environment and their knowledge base in a training program for novice university teachers. International Journal for Academic Development, 18 (2), 152-165.
  • Seidel, T., Prenzel, M., Duit, R. & Lehrke, M. (2003). Technischer Bericht zur Videostudie Lehr-Lern-Prozesse im Physikunterricht. Kiel: IPN.
  • Staufenbiel, T. (2000). Fragebogen zur Evaluation von universitären Lehrveranstaltungen durch Stu-dierende und Lehrende. Diagnostica, 46 (4), 169–181.
  • Ulrich, I. (2013). Strategisches Qualitätsmanagement in der Hochschullehre: Theoriegeleitete Workshops für Lehrende zur Förderung einer kompetenzorientierten Lehre. Wiesbaden: Springer VS.
  • Valle, A., Cabanach, R. G., Núnez, J. C., González-Pienda, J., Rodríguez, S. & Piñeiro, I. (2003). Multiple goals, motivation and academic learning. British Journal of Educational Psychology, 73 (1), 71-87.
  • Wild, K. P. & Schiefele, U. (1994). Lernstrategien im Studium: Ergebnisse zur Faktorenstruktur und Reliabilität eines neuen Fragebogens. Zeitschrift für Differentielle und Diagnostische Psychologie, 15, 185–200.

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