Hof, Henrich, Weber, Schwendowius, Wolbring

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Die Universität als Lernort

Symposium im Rahmen der Tagung „Perspektiven und Zukunft hochschuldidaktischer Forschung“ am 8./9. September 2016 an der Universität Hamburg

Einreichende

  • Prof. Dr. Christiane Hof (Goethe-Universität Frankfurt)
  • Dipl. Päd. Kathrin Henrich (Goethe-Universität Frankfurt)
  • Prof. Dr. Susanne Maria Weber (Universität Marburg)
  • Dr. Dorothee Schwendowius (Ko-Referentin, Universität Flensburg)
  • PD Dr. Barbara Wolbring (Ko-Referentin, Goethe-Universität Frankfurt)

 

Im Rahmen der Veranstaltung ‚Perspektiven und Zukunft hochschuldidaktischer Forschung’ untersucht das Symposium die Universität als Lernort. Diese Perspektive ermöglicht es, das Studieren nicht allein als Reaktion auf das durch Lehrende gestaltete didaktische Arrangement zu betrachten, sondern die Universität als einen Ort zu beleuchten, der vielfältige Formen der Vermittlung, Aneignung und Weiterentwicklung von Wissen und Kompetenzen ermöglicht. Neben den expliziten Formaten (Vorlesung, Seminar, Labor und Bibliothek) weist die Universität auch ein breites Spektrum an Lerngelegenheiten auf, die bislang kaum in den Blick der Forschung gelangt sind, und die gerade aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive interessant sind. Hierzu gehören nicht nur explizite und implizite institutionelle Regulierungen und Vorgaben, sondern auch die vielfältigen sozialen Praktiken, durch die Teilhabe an studentischem Leben, wissenschaftlicher Forschung und politischer Mitbestimmung gestaltet werden. Ein detaillierteres empirisches Wissen um die diese Lernkontexte bzw. –kulturen sowie ihre Nutzung kann einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Hochschule leisten.

Das geplante Symposium fokussiert demzufolge nicht mikrodidaktische Fragen der Seminargestaltung oder des professionellen Handelns von Lehrenden, sondern beleuchtet die Universität als Rahmen für individuelle Prozesse des Lernens, der Aneignung, des Studierens. Diese Frage wird zum einen aus einer biographischen Perspektive und zum anderen mit Blick auf institutionelle Selbstbeschreibungen und Programmangebote – und dabei mit Blick auf die Verschränkung von organisatorischem Angebot und individueller Rezeption – beleuchtet.

Im Einzelnen sollen folgende Studien vorgestellt und aufeinander bezogen werden.

Dipl. Päd Kathrin Henrich (Goethe Universität Frankfurt):

Universität als Ort individueller Erfahrungen

Zeit: max. 30 Min.

Abstract:

Auf der Basis narrativer Interviews wird herausgearbeitet, wie Studierende Universität wahrnehmen, welche Erfahrungen sie mit Lehrenden und Kommiliton*innen, mit Bibliotheken und Fachschaften zu Studienbeginn, aber auch im Studienverlauf machen. Studentische Erzählungen werden dabei aus zwei Richtungen analysiert: zum einen wird gefragt, welche Lernanlässe und Emotionen universitäre Kontextbedingungen hervorbringen, und zum anderen, welche Handlungspraktiken sich Studierende zu Eigen machen. Im Vortrag soll exemplarisch die Verknüpfung der empirischen Rekonstruktion der Relevanzen der Studierenden mit lern- und praxistheoretischen Theoriemodellen gezeigt werden.

Koreferentin:

Dr. Dorothee Schwendowius (Universität Flensburg)

Möglichkeiten und Grenzen biographisch-rekonstruktiver Ansätze in der Studierendenforschung

Zeit: max 10 Min

Abstract:

Narrative und biographieorientierte Zugänge haben in den 1980er Jahren – u.a. als Folge der ‚Öffnung’ der Hochschulen und der Pluralisierung studentischer Ausgangslagen – Eingang in die Studierendenforschung gefunden. „Studierendenbiographieforschung“ repräsentiert dabei keine einheitliche Forschungsrichtung, sondern umfasst Arbeiten mit unterschiedlichen theoretisch-methodologischen Vorverständnissen und methodischen Zugängen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie hochschulische Erfahrungen und Aneignungsprozesse der Studierenden im lebensgeschichtlichen Zusammenhang in den Mittelpunkt rücken.

Das Koreferat reflektiert die Relevanz biographisch-rekonstruktiver Zugänge für die Untersuchung der „Universität als Lernort“ und fokussiert Potenziale und Grenzen. Den empirischen Bezugsrahmen dafür bildet – neben dem Beitrag von Kathrin Henrich – eine eigene Studie („Bildung und Zugehörigkeit in der Migrationsgesellschaft“), in der Bildungswege von Pädagogik- und Lehramtsstudierenden ‚mit Migrationsgeschichte’ aus biographie- und zugehörigkeitstheoretischer Perspektiven untersucht wurden.

Direkte Rückfragen zu den Vorträgen (max. 5 Min.)

Prof. Dr. Susanne Maria Weber (Uni Marburg)

Universität als institutioneller Ermöglichungskontext transformativer Bildung

Potenziale der programmförmigen Übergangsgestaltung in der Studieneingangsphase

Zeit: max. 30 Min

Abstract:

Anhand der Auswertung eines im Rahmen des ‚Qualitätspakts Lehre’ durch das BMBF geförderten Bildungsprogramms werden Potenziale der programmförmigen Übergangsgestaltung in der Studieneingangsphase untersucht.

Der Beitrag umreisst zunächst den Begründungshorizont der Programmentwicklung, indem die Studieneingangsphase analytisch als transitorischer Übergang im Bildungssystem gefasst wird. Dieser Übergang wird programmförmig adressiert und theoretisch fundiert mit Bourdieus Analyseperspektiven auf soziale Ungleichheit im hochschulischen Kontext und im professionellen Feld. Mit Bezug auf Professionalisierung wird der „Möglichkeitssinn“ von Studierenden als „zukünftige Professionelle“ adressiert. Habituelle Dispositionen von Professionellen und Institutionen werden verstanden als Ermöglichungsbedingungen sozialer Innovationen. Hier werden „Übergangs“- und „Gestaltungsfähigkeit“ zentral. Im Programm werden sie konkretisiert mittels der von de Haan (2008)[1] in 12 Lernziele differenzierten Konzeption der „Gestaltungskompetenz“, die als Referenzpunkt für Durchführung und Evaluation (Wirkungen) genutzt werden. Entgegen eines verkürzenden Kompetenzdiskurses bezieht sich das Programm dabei auf den Begründungshorizont der „Gestaltungsfähigkeit“ im Anschluss an Amartya Sen (Sen 1985)[2] und Martha Nussbaum. Die theoretischen Fundamente und Dimensionierungen werden inhaltlich konzipiert in den vier Themenkomplexen der Übergangsfähigkeit, der Habitusreflexivität, der Sozialen Innovation und der gelingenden Studien- und Zukunftsstrategien. Die Programmkonzeption des „Train the Trainer Programms“ für die Förderung studentischer Selbstorganisation nutzt ein verschränktes Arrangement formaler (Vorlesung), nonformaler (Trainings) und informeller (selbstorganisierte Peer-Gruppen) Bildung.

Im bereits zum dritten Mal realisierten Programm konnten bereits mehr als 100 Studierende zum „Netzwerkcoach Zukunftsgestalter“ ausgebildet werden. Es wird regelmäßig systematisch evaluiert mittels Mixed Methods Designs, bildbasierter Interviews, bildbasierter Gruppendiskussionen und die Programmwirkungen mittlerweile auch in längsschnittlichen Analysen anhand der dokumentarischen Methode rekonstruiert. Im Mittelpunkt der multiperspektivisch angelegten Analysen stehen die Programmwirkungen aus Sicht der Studierenden und der TrainerInnen mit Bezug auf die Lernziele der Gestaltungskompetenz (de Haan 2008).[3] Deutlich wird, dass Studierende sich die Universität ganz wesentlich auch mittels sozialer Übergangsstrategien aneignen. Aneignungsstrategien des institutionellen Raumes verweisen hier deutlich auf differente soziale Hintergründe und unterschiedliche habituelle Dispositionen. Der Übergang zur „Zugehörigkeit“ zu diesem Bildungsraum erfolgt insofern entlang kollektiver und nicht individuell-biographischer Muster.

Koreferentin

PD Dr. Barbara Wolbring (Goethe-Universität Frankfurt)

Zum aktuellen Stellenwert eines traditional geformten Bildungs- und Wissenschaftsbegriffs

Zeit: max. 10 Min.

Abstract:

Das Koreferat fragt nach der Relevanz eines traditional geformten Bildungs- und Wissenschaftsbegriffs für universitäre Selbstbeschreibungen und daraus abgeleitet für die Ausgestaltung universitärer Lernziele und Lernsettings. In jüngster Zeit an vielen Universitäten entwickelte Leitbilder zur Lehre zeigen die persistierende Relevanz eines im frühen 19. Jahrhundert formulierten Verständnisses universitärer Lehre, das die Forschungsgebundenheit betont und in der Initiierung der Studierenden in einen forschenden Habitus ein zentrales Kompetenzmerkmal und damit Lernziel des Universitätsstudiums sieht.

Der forschende Habitus ist darin zugleich Kernelement einer überfachlich anschlussfähigen Berufspropädeutik, die mindestens gleichrangig neben konkreten berufsbezogenen Kenntnissen steht. Zugleich wird dieser Habitus als Kernelement einer persönlichkeitsformenden Bildungswirkung der Wissenschaft bezeichnet. Ein sich hieraus ergebendes wesentlich von Selbststeuerung der Lernenden geprägtes Lernsetting konfligiert allerdings wenigstens partiell mit Erwartungen und Prädispositionen von Studienanfängern. Die starke Verankerung des in der Eigenlogik von Wissenschaft wurzelnden Selbstverständnisses der Universität bedingt, dass ein zentrales Element von auf die Studieneingangsphase gerichteten Projekten und Lehrformaten diese Habitustransformation oder –initiierung zum Ziel haben muss, um Selbstwirksamkeit auf Seiten der Studierenden zu erreichen.

Direkte Rückfragen zu den Vorträgen (max. 5 Min)

Gemeinsame Diskussion der Beiträge im Hinblick auf die Universität als Lernort (30 Min)

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[1] De Haan, G. (2008): Gestaltungskompetenz als Kompetenzkonzept für Bildung für nachhaltige Entwicklung. In: Bormann, I; de Haan, G.(Hrsg.): Kompetenzen der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wiesbaden 2008. S- 23-44.

[2] Sen, Amartya (1985): Well-being, Agency and Freedom: The Dewey Lectures 1984, in: Journal of Philosophy, 82 (4/1985), 169–221

[3] a.a.O.

Zu den Referentinnen:

Dipl. Päd. Kathrin Henrich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Geisteswissenschaften der Goethe-Universität. Sie leitet gemeinsam mit PD Dr. Barbara Wolbring das Frankfurter Akademische Schlüsselkompetenz-Training. Bei Prof. Dr. Christiane Hof promoviert sie zu dem Thema “Studieren lernen im Studienverlauf unter besondererer Berücksichtung der persönlichen, lebensweltlichen und universitären Kontextualität”.

Prof. Dr. Susanne Maria Weber bekleidet die Professur für gesellschaftliche, politische und kulturelle Rahmenbedingungen von Bildung und Erziehung unter Berücksichtigung internationaler Aspekte an der Universität Marburg. Ihre Forschungsgruppe „Innovation – Organisation – Netzwerke“ beschäftigt sich mit der Erforschung der Ermöglichungskontexte, Bedingungen und Gestaltungsmodi organisationalen und gesellschaftlichen Wandels.

Dr. Dorothee Schwendowius ist wissenschaftliche Mitarbeiterin (postdoc) an der Europa-Universität Flensburg, Institut für Erziehungswissenschaften, Arbeitsbereich Empirische Bildungsforschung. 2015 ist ihre Dissertation unter dem Titel: Bildung und Zugehörigkeit in der Migrationsgesellschaft. Biographien von Studierenden des Lehramts und der Pädagogik erschienen.

PD Dr. Barbara Wolbring verbindet Forschungen zur Universitätsgeschichte mit aktuellen Fragen und Konzepten der Unterstützung von Studierenden (Koordination und Leitung des Frankfurter Akademischen Schlüsselkompetenz-Trainings und des Zentrums Geisteswissenschaften im Programm Starker Start ins Studium (Qualitätspakt Lehre). Ihre Habilitationsschrift “Trümmerfeld der bürgerlichen Welt” (Göttingen 2014) untersucht Universitätsreformdebatten im Kontext gesellschaftlicher Diskurse der Nachkriegszeit.

Prof. Dr. Christiane Hof ist Professorin für Erwachsenenbildung/Weiterbildung an der Goethe Universität Frankfurt. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in der Analyse von Formen der Wissensvermittlung. Zum 100. Geburtstag der Universität Frankfurt hat sie eine Ausstellung (mit Katalog) konzipiert zum “Spektrum der Lehre. Vermittlung wissenschaftlichen Wissens im Wandel der Zeit.”

 

 

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